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Gesa Henselmans: Geocaching: Ethnographische Erkundungen des ortsspezifischen Internets.

Universität Konstanz

 

Das Internet wurde lange Zeit vor allem immer wieder unter dem Aspekt betrachtet, eine nicht-realräumliche, so genannte virtuelle Parallel- oder Gegenwelt zu eröffnen, in der dessen Nutzer sich bewegen, treffen und miteinander kommunizieren.

Dieser Parallelwelt-Status des Internets wird inzwischen immer häufiger in Frage gestellt oder korrigiert. „Allem Anschein nach wandert die materielle Realität zunehmend in die virtuelle des Netzes ein. Damit scheint der starre Unterschied zwischen real und virtuell ebenso zu kippen wie der zwischen Land und Meer. Er kippt jedoch nicht in einer Weise, dass das eine vom anderen restlos absorbiert würde. (...) Denn ebenso wie das Reale in das Virtuelle einwandert, wirkt auch zunehmend das Virtuelle in das Reale hinein“ schreibt etwa der Soziologe Markus Schroer (Schroer 2006: 271f.). Er spricht von einem „regen Grenzverkehr“ und „Interpenetrationen“, um diese gegenseitige Einflussnahme zu bezeichnen, Saskia Sassen und Robert Latham haben hierfür den Begriff „imbrication“ geprägt (Latham/Sassen 2006).

Geocaching ist ein Hyper Reality Game (vgl. de Souza e Silva 2008) mit einer internationalen, über eine Internetplattform verbundenen Spielergemeinschaft und ein gutes Beispiel für das Ineinandergreifen des „ortlosen“ Mediums und der nahräumlichen Umgebung seiner Nutzer. Anders als bei vielen anderen Formen der Online-Vergesellschaftung (vgl. etwa Rheingold 1993, Helmers 1994, Dibbels 1999) steht ein sehr konkretes, lokales Handeln im Mittelpunkt - die in der Regel zunächst nicht miteinander bekannten Mitstreiter spielen gemeinsam eine Art Versteckspiel im Realraum, das über das Internet organisiert wird. Eine zentrale Rolle kommt dabei der Ortungstechnologie GPS zu, denn die Lage der angelegten Verstecke - weltweit sind dies momentan etwa 750 000 - wird in Form geographischer Koordinaten kommuniziert und GPS-Empfänger werden zum Auffinden dieser verwendet.

Für die Ethnographin bedeutet dies, dass der eigene Schreibtisch - das klassische Forschungsfeld der Internetethnographie - immer wieder für Abenteuerreisen in die Nachbargemeinde verlassen werden muss. Reisen in eine - so möchte sie gern in einem Vortrag verdeutlichen - realräumliche Parallelwelt.

 

Literatur:

Dibbel, Julian: My tiny life. Crime and passion in a virtual world, New York 1999.

Helmers, Sabine: Internet im Auge der Ethnographin, in: WZB Discussion Paper FS II, Berlin 1994.

Latham, Robert und Saskia Sassen: Digital Formations. IT and New Architectures in the Global Realm, New Jersey 2006.

Rheingold, Howard: The virtual community : homesteading on the electronic frontier, Reading, MA: 1993.

Schroer, Markus: Räume, Orte, Grenzen. Auf dem Weg zu einer Soziologie des Raumes, Frankfurt a. M. 2006.

de Souza e Silva, Adriana und Daniel Sutko: Playing life and living play: how hybrid reality games reframe space, play, and the ordinary, in: Critical Studies in Media Communication 25 (5), 447-465.